Begriffe in der Abfolge des Textes

Versöhnung Sühne 155

Das Wort "Versöhnung" hat seine Stammwurzel in dem althochdeutschen "suona" und dem Mittelhochdeutschen "süene", deren Hauptbedeutung "Sühne" ist; daneben bedeuten sie auch noch "Urteil, Gericht, Schlichtung und Friede". Das Stammwort "Sühne" wird heute für "Wiedergutmachung, Bußleistung und Strafe" verwandt. Etymologisch wird vermutet, dass die Wortgruppe von der Grundbedeutung "still machen, beschwichtigen und beruhigen" ausgeht. Nach diesen Wortbedeutungen setzt Sühne eine Schuld voraus. Schuld ist an die Übertretung und Verletzung innerer wie äußerer Gebote gebunden. Sie reicht von den eigenen unerlaubten und sündigen Gedanken, Phantasien und Wünschen bis zu dem an anderen begangenen Unrecht. Das bedeutet, Sühne betrifft in erster Linie das Böse in einem selbst, und enstprechend meint Versöhnung das Erkennen und Anerkennen der eigenen negativen Anteile oder, oder mit anderen Worten, des eigenen bösen Schattens.

Schuldgefühl 156

Das Schuldgefühl hat aus psychoanlytischer Sicht seinen Sitz im Ober-Ich, das wir als Gewissen bezeichnen.In ihm haben sich die in der Kindheit von außen komenden Verbote und Strafen zu einer inneren Instanz umgewandelt, die jetzt die Aufgabe der Kontrolle und Überwachung der Triebvorgänge übernommen hat. Diese Funktion fühjrt zu einem ständigen inneren Spannungsverhältnis zwischen den nach befriedigung drängenden Triebbedürfnissen und dem verbietenden und strafenden Charakter des Über-Ich. Das Ich asl vermittelnde Instanz wird von diesem Spannungsverhältnis dauerhaft belastet.

Tabus und Verbote 156

Die vom Über-Ich errichteten Tabus und Verbote und das dadurch erzeugte Spannungsverhältnis ist ständig unangenehm, weil die Triebkräfte und das Ich danach drängen, das Spannungsverhältnis durch Missachtung der Verbote zu durchbrechen und aufzulösen. Das Schuldgefühl hat eine entscheidende Funktion innerhalb dieses Spannungsverhältnisses; es hält den Widerspruch zwischen den Anforderungen des Über-Ich auf der einen und des Ichs und der Triebkräfte auf der anderen Seite in Schach und versucht, das Aufbrechen der Verbostschranke zu verhindern. Darin bleibt aber das Über-Ich eine dem Ich übergeordnete und ihm entfremdete Instanz, der es sich nur widerwillig unterwirft.

Integration mittels Versöhnung 156

Die Versöhnung gehört nach Definition keiner der Instanzen an, sondern ist eine integrierende Leistung des Ich selbst. Indem das Ich die Sühne für seine Schuld auf sich nimmt, versöhnt es sich mit den antagonistischen Kräften zwischen der Welt der Triebe und dem Gewissen - es beruhigt, beschwichtigt und befriedet den spannungsgeladenen Kampf der inneren Kräfte.

Schuldgefühl Versöhnung 157

Es ist wichtig zwischen den Schuldgefühlen und der Versöhng als einer Sühneleistung des Ich zu unterscheiden. Das Verständnis des Unterschieds ist für die Versöhnungsfähigkeit von praktischer Bedeutung. Die meisten Menschen leiden unter Schuldgefühlen. Sie stehen unter dem Druck eines geradezu tyrannischen Über-Ich, dass sie deswegen aber nicht hindert, bewußt oder unbewußt ständig neues Unrecht zu verursachen. Die verändernde Kraft des Schuldgefühls ist sehr begrenzt, weil es sich einer zunächst äußeren und später verinnerlichten Macht verdankt, die dem Ich aufgezwungen wird und gegen dies es deswegen ständig rebellieren muss. Erst wenn das Ich in seiner Entwicklung zu einer eigenen Stärke gelangt ist, kann es die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Es ist also wichtig, das die Ich-Kräfte des Subjekts wachsen können und das Ich unabhängiger von der entfremdeten Instanz des Über-Ich wird. Das Schuldgefühl ist selten unterstützend, sondern eher die Eigenentwicklung behindernd. Nur wo das Ich in freier Selbstbestimmung die Aufgaben seiner sozialen Zusammengehörigkeit integriert hat, kann es auch für sein Handeln einstehen.

Versöhnung als Sühneleistung 157

Die Versöhnung als Sühneleistung des Ich bezieht sich sowohl auf das eigene Selbst wie auf das Du. Das erste ist die Voraussetzung für das Zweite. Erst wenn ich mich mit mir selbst versöhnt habe, gelingt mir die Versöhnung mit dem anderen. Die Versöhnung mit sich selbst ist das Schwerste. Es fordert ein hohes Maß an Bewußtsein, Offenheit und Mut, sich einzugestehen: " ich kann böse, gemein und verletzend sein; ich bin hinterhältig und nachtragend; ich bin einerseits hochmütig und arrogant, andererseits aber sehr kränkbar; ich liebe Macht und Überlegenheit, und mein Egoismus ist oft stärker als mein Mitgefühl für andere; ich liebe eigenen Besitz und teile ungern ……. Einige sind uns bewußt, könnten uns bewußt sein, wenn wir ehrlich mit uns umgehen, andere sind unbewusst gemacht worden — wir haben sie verdrängt vergessen, wir verleugnen sie oder projezieren sie auf unsere Mitmenschen.

Spiegeln 158

Der Blick in den eigenen Spiegel konfrontiert uns mit unseren Leidenschaften, mit verschliegender Liebe wie mit tötendem Hass, mit unserem Größenwahn ebenso wie mit den Gefühlen absoluter Kleinheit, Wertlosigkeit und Ohnmacht. Erschrocken weichen wir vor unserem Bild zurück, Angst ensteht und unerträgliche Schuldgefühle würden folgen, wenn wahr wäre, was wahrzunehmen wir uns weigern. Keiner gibt sich gerne dem Wahnsinn preis. Wir entwickeln Abwehrtechniken, die uns blind machen für den Blick in den eigenen Abgrund. Der Mensch bleibt sich ein unbekanntes Wesen, solange er die Rationalität zum obersten Prinzip menschlicher Entwicklung erhebt, um dem Widerspruch mit seiner Irrationalität auszuweichen.

Sozialisation 159

Sozialisation erfolgt in der Regel nicht über den Prozess des einfühlenden Verstehens und des wohlwollenden Dialogs, sondern im wesentlichen durch Anweisungen und Verbote, d.h. durch Maßnahmen autoritärer Beeinflussung. Dies ist so, weil uns bisher zu wenig bekannt und vertraut ist, wie vielschichtig Gefühle im Verlauf der Triebreifung, der Identitätsentwicklung und beim Aufbau von Objektbeziehungen aufgebaut sind und sich wandeln. Erst eine ganzheitliche Sichtweise unserer bewussten wie unbewussten Seelenlandschaft schließt auch die Anerkennung unserer Schattenseiten ein.

Schatten und Integration 160

Mit der Anerkennung unsere Schatten brauchen wir weniger Kräfte für die Verdrängung der verpönten Anteile in uns aufzuwenden und müssen die oft verhängnisvolle Wiederkehr weniger fürchten. Dann hätten wir ein größeres schöpferisches Potential als bisher zur Verfügung, weil die Aufhebung der Verdrängung vorher gebundene Kräfte freisetzt und weil das Böse sich durch den höheren Grad der Bewußtmachung zur positven Kraft verwandeln und integrieren läßt. Der Abbau des destruktiven Potentilas kann erst erfolgen, wenn man es vorher als zu sich gehörig erkannt hat und durch eine bewußte Form der Auseinandersetzung zu eigener produktiven Umwandlung beiträgt.

Versöhnung mit sich selbst 160

Die Versöhnung mit sich selbst, die Sühne für eigene Schuld, setzt die Erkenntnis des eigenen Mitbeteiligung an allem voraus, was man getan und unterlassen hat. Das eigene Scheitern und Versagen, das Erreichen der eigenen Grenzen, das Unrecht, das man Menschen zufügt, und die Verletzungen, die man selbst erlitten hat - diese und viele andere Erfahrungen, an denen wir bewußt oder unbewusst durch unsere abgespaltenen Gefühls- und Triebanteile beteiligt waren, an denen wir schuldig oder zumindstens mitschuldig geworden sind. Der Schmerz und die Angst, die diesen Prozess der Wiederaneignung verborgener innerer Natur begleiten, sind die Sühneleistungen, die das Subjekt erbringen muss, um sich seiner seelischen Ganzheit und der damit verbundenen Verantwortung für sein eigenes Handeln bewusst zu werden. Der so erreichte Frieden mit uns selbst leitet die Versöhnung mit dem schwersten ein, das uns bevorsteht und dem wir uns oft mit Verzweiflung entgegenstellen - das Annehmen der eigenen Endlichkeit und des Todes, die Versöhnung mit dem großen Abschied.

Versöhnung als Aufgabe 161

Versöhnung ist keine Aufgabe des Über-Ich, sondern es ist die Fähigkeit des Ich zur Selbstreflexion und Eigenverantworlichkeit. Sühne und Versöhnung bestätigen in der Aufhebung des Getrenntseins und in der Wiederherstellung von Einheit die Wiederherstellung der seelischen Ganzheit Die letztendlich größte Versöhnung mit sich selbst ist Versöhnung mit der eigenen Endlichkeit, dem Einssein von Leben und Tod.

Basis für die Versöhnung 162

Die Versöhnung mit dem eigenen Selbst ist die Basis, auf der die Versöhnung mit dem anderen möglich wird. Das Unrecht, das man ihm angetan hat, und die Schuld, die man an ihm begangen hat, können erst jetzt durch die Wiedergutmachung gesühnt werden. Die innere Wiedergutmachung besteht in der Zurücknahme der destruktiven Gedanken und Gefühle und Handlungen, mit denen man den anderen schädigen und verletzen wollte. In dem Maße, wie man sich innerlich mit dem anderen versöhnt, muss man ihn nicht mehr verfolgen und zu zerstören trachten; man kann ihn als eigenständige Person in seiner Ganzheit bestehen lassen und ihn auf diese Weise heilen. Die Sühne erfolgt hier durch das Eingeständnis und die Trauer über das dem anderen zugefügte Leid. Der Friede, den man dabei schließt, ist kein Beschwichtigen oder Beruhigen im Sinne einer weiteren Verleugnung der Schuld, sondern die in innerer Stille nach einem schmerzhaften Prozess der inneren Auseinandersetung. Der zunächst innerlich geleistet Verzicht auf Krieg und Rache eröffnen neue Chancen des Dialogs, der im Idealfall nach einer Trennung den Austausch der Partner über das wechselseitige zugefügte Unrecht und die damit verbundene Schuld möglich macht.

Trauerprozess und Versöhnung 163

Beim Trennungsdrama reicht es nicht, sich im Trauerprozess von dem verlorenen Objekt und dem Verlust ideeller und materieller Werte und Illusionen zu lösen. Der Trauerprozess droht zu einem Lebens einschränkenden und langem Leiden zu werden, wenn er nicht durch die Versöhnung mit sich, mit dem anderen und mit dem Verlust zerbrochener Hoffnung abgeschlossen wird

Versöhnung und Verzicht 167

Versöhnung hat nichts mit Glattbügeln von Konflikten zu tun, nichts mit Rückgängig machen von einmal klar getroffenen Entscheidungen. Versöhnung heißt nicht Verzicht auf Auseinandersetzung, auch nicht ein Verzicht auf den kämpferischen Streit, wenn es darum geht, eigene Rechte zu verteidigen und sich vor Unrecht zu schützen. Versöhng ist zu aller erst die Aussöhnung mit dem Bösen in einem selbst, das sich, erst einmal erkannt, der Umwandlung und verändernden Kraft von Einsicht und Erkenntnis nicht mehr in der gewohnten Weise entgegenstellt. Versöhnung heißt das Irrationale in einem selbst und im anderen zu erkennen, um seinen zerstörerischen Kreislauf zu durchbrechen und ihn zu unterbrechen. Und schließlich schafft Versöhnung auch die Bereitschaft zur Toleranz, ohne die kein echter Frieden erreichbar ist.

Trennungsdrama und spiritueller Weg 174

Im Trennungsdrama läßt sich oft beobachten, dass der spirituelle Weg als Versuch zur Abkürzung der Schwierigkeiten benutzt wird, die der Verlust mit sich bringt. Der abgekürzte Weg erweist sich dabei als ein Ausweichen von den Konflikten von Trennung, Trauer und Versöhnung durch Flucht in eine erträumte Welt des Friedens und der Harmonie. In ihr werden die zertsörte Illusionen durch neue ersetzt. Die Verschmelzung mit einem idealisierten Objekt, ob in Gestalt eines Gururs, einer Gemeinde von Gleichgesinnten, einer göttlichen Instanz oder den heiligen Kraftfeldern einer unzerstörten Natur, dient der Rückkehr in einen Urszutand uteriner Einheit und mütterlicher Geborgenheit, die das frühe und alle späteren Trennungstraumen ungeschen machen sollen. Es handelt sich daher um Scheinlösungen, deren Brüchigkeit dann mit voller Wucht zum tragen kommt und schwere Krisen auslösen kann, wenn aus welchen Gründen auch immer, die phantasierte Welt in Konfrontation mit der Realität zerbricht. Schon aus diesem Grund muss der Weg zurück zur Realität panisch gefürchtet werden, wodurch die Spirale eines einmal gewählten spirituellen Lebens immer weiter geschraubt wird.

Neubeginn 176

Die Revolution eines Neubeginn basiert auf der Entschlossenheit und dem Mut jedes Einzelnen, den Konformismus mit traditionellen Rollen dann aufzukündigen, wenn die eigene Freiheit, die Vorstellungen individueller Selbstverwirklichung und die Chancen des gemeinsamen Glücks in unzumutbarer Weise eingeschränkt werden. Die Kräfte, die dieser Schritt erfordert, das Leiden und der Schmerz muss jeder für sich durchstehen.

Traditionelle Familienform 177

Die Familie in traditioneller Form verdankt ihren Bestand darin,dass das Ausmaß der Ängste und Schuldgefühle bei er Auflösung eines Familienbandes die Konfliktfähigkeit und seelische Belastbarkeit des Menschen mehrheitlich übersteigt. Die innerlich zerbrochene, nach außen aber intakte Familie wird daher auch als Pseudofamilie bezeichnet. Sie ist in der Regel von einer latenten bis offenen Aggression, von Streit und Gewalt, Lüge, Untreue und Doppelmoral gekennzeichnet, die ein hohes Maß an Unglück für die Partner selbst und vor allem für die Kinder mit sich bringen. So ausgeprägt die Selbsteinschränkung und wechselseitige Abhängigkeiten auch sein mögen, diese Unglück ist für die Mehrzahl noch leichter zu ertragen als die Zerreißprobe einer Trennung.

Revolution des Neubeginns 178

Die Revolution des Neubeginns bedeutet immer das Brechen von Tabus. Bei ihnen handelt es sich sowohl um auch heute noch bestehende gesellschaftlichen Schranken als auch um früh verinnerlichte Normen des sozialen Zusammenlebens. Tabubrecher müssen besonders deswegen bestraft werden, weil sein Handeln ansteckenden Charakter hat, indem er die bedrängten Bedürfnisse bei andern in Versuchung führt. Die Revolution des Neubeginns setzt eine autonomes Ich voraus, das den Trennungs- und Trauerprozess verarbeitet hat und zur Versöhnung fähig geworden ist. Die Tabu, die es gebrochen hat, muss es selbst verantworten können.

Aufkündigen der falschen Rolle 181

Die Revolution des Neubeginns besteht in der Pflicht gegen sich selbst, den Versuch zu wagen, ein Mensch zu werden. Die Befreiung und der Aufbruch setzen die Überwindung der Schranken voraus, die die Gesellschaft und ihre im Über-Ich verankerten Normen in uns errichtet haben. Nur indem die unmenschlichen und falschen Rollen aufgekündigt werden,die über den einzelnen verfügt wurden, lässt sich heraus finden, wer man ursprünglich war und wieder werden möchte.


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