Begriffe in der Abfolge des Textes

Primäre Einheit 94

Trennung in ihrer ursprünglichen Bedeutung von "zerreißen" und "vernichten" schließt den symbolischen oder realen Tod ein. Die Trennungen bei der Geburt zerreißt die primäre Einheit mit der Mutter. So steht am Anfang des Lebens der Tod - der Tod der Einheit.

Trennung - Tod 94

Die Trennung einer Partnerschaft enthält ein Todes erleben, dass Zerreißen einer Einheit. Erst sekundär bedeutet für das Kind wie für den Erwachsenen die Trennung auch die Aufforderung zum Leben, zur Individuation. Beide müssen sich ihre individuellen Befreiung mühsam erkämpfen

Tod und Liebe 95

Die Beziehung von Tod und Liebe kann in vier Variationen beschrieben werden:

  1. Zerstörung der Liebe durch äußere Gewalt, z. B. durch einen Dritten oder durch Kriege. Der Tod eines oder beider Liebenden fällt meistens mit dem Höhepunkt der Verliebtheit zusammen.
  2. Verzicht auf die Liebe durch äußere Mächte erzwungen
  3. Freiwillige Aufgabe der Liebe aus gesellschaftlichen, politischen oder religiösen Zwängen.
  4. Zerstörung der Liebe durch Gewohnheit, Dauer und unterschiedliche Lebensentwicklung, die schließlich zur Trennung führen.

Endlichkeit von Liebe 94

Es scheint ein mystisches Gesetz den engen Zusammenhang zwischen der Intensität der Liebe und der Nähe zum Tod zu bestimmen. Es ist, als wenn die Liebe an ihren Widerständen wächst, als wolle sie den Tod überwinden; auf dem Höhepunkt aber fällt sie mit den Tod zusammen. Die mystische Dimension des Themas könnte bedeuten, dass in der verzehrenden Liebe das Ich durch die Verschmelzung mit den Du aufgehoben wird, um die ersehnte Einheit zu erreichen. Da dies an der Realität scheitert, kann sich nur im Tode füllen. So birgt jede Liebe von Beginn an das Element der Trennung schon in sich wie Trennung das Element des Todes. Liebe und Tod sind auf diese Weise durch die existenzielle Erfahrung der Trennung unauflöslich miteinander verbunden.

Liebestod bei Trennung 96

Für den Verlassenen bricht eine Welt zusammen. In den einzelnen Trennungsphasen wird das Ich schrittweise bis zu dem Gefühl "ich bin tot" verzehrt. Es ist der äußerste Punkt, an dem die Liebe durch den Tod aufgehoben wird. Vielleicht kann die Liebe nur so getötet werden. Die Trennung verursacht also eine Art Liebestod. Erst wenn wir begreifen, dass der Verlassene den existenziellen Zusammenhang von Liebe, Trennung und Tod für sich verarbeiten muss, wird uns einfühlbar,wie hoch die Gefahr ist, am Zusammenprall dieser drei Prinzipien zu zerbrechen.

Liebe und Abgrund, Hass 98

Die Liebe steht bei einer Trennung plötzlich vor einem Abgrund. Die Trennung hat die Partner auseinander gerissen. Der Abgrund der sich auftut ist der Tod. Der Verlassene intertessiert sich schon nach kurzer Zeit nicht mehr für das, was auf den anderen Seite des Abgrunds geschieht. Er braucht sich nur noch fallen zu lassen, dann würde das furchtbare Gefühl der liebe aufhören. Nur der Hass auf den Partner ist die Verbindung zum Leben. Solange man hassen und den Hass auf eine andere Person lenken kann, solange wendet man ihn nicht gegen sich selbst. Der Hass, so scheint es, hat in der Realität die Funktion, die mystischen Zusammenhang von Liebe, Trennung und Tod aufzuheben. Er vollzieht damit das Prinzip des Überlebens.

Hass als Überlebensprinzip 98

Bei Trennungen gilt der Hass als Prinzip des Überlebens. Die Auffassung vom Hass als eine lebenserhaltender Kraft steht im Widerspruch zu der allgemeine Verurteilung dieses Gefühls. Verständlich wird die Auffassung bei der alltägliche Erfahrung über das Ausmaß des entfesselten Hasses aus enttäuschender Liebe. Wo der Hass vollständig der Liebe verfällt, kann der Tod wieder in sein Recht treten.

Vergänglichkeit und Narzismus 98

Die Vergänglichkeit der Liebe als Realität akzeptieren ist mit einer schweren narzisstischen Kränkung verbunden. Ebenso wie die Realität des Todes. Narzismus strebt nach Ewigkeit. Um den Menschen für diese Kränkung zu entschädigen, bieten die Religionen ersatzweise das "ewige Leben" und die "ewige Liebe" in einem Leben nach dem Tode an. Nur der Glaube hilft uns - und das ist seine Aufgabe - unserer aus der Kränkung entstandene Enttäuschungswut und unseren Hass zu überwinden.

Trennung als Grenze des Narzismus 99

Eine Trennung ist deshalb so schmerzhaft, weil sie uns die Grenzen des Narzissmus aufzeigt. Mit jeder Trennung geht ein weiteres Stück Leben verloren.

Trennen und Tod 99

Das Selbsterleben "ich bin tot" ist die eine Seite der Trennungserfahrung. Auf der anderen Seite steht das Gefühl, "es ist, als ob der Partner gestorben sei". Dass der Partner im Grunde verfügbar wäre, wird oft als noch peinvoller empfunden als die Vorstellung seines Todes. Dann nämlich wäre er auch für die Liebe eines anderen nicht mehr zugänglich. Das Gefühl "der andere ist gestorben" tritt meistens nach der Protest- und Verzweiflungphase ein. Dann werden die Energien immer mehr vom Partner abgezogen und nach innen verlagert. Was auch bedeutet, dass das innere Objekt(Partner) auch im Innerenerleben verloren geht.

Trennung Mutterbild 100

Von Kindern wissen wir, dass sie nach einer längeren Trennung von der Mutter diese nicht wieder erkennen und keinen körperlichen Kontakt mit ihr wieder aufnehmen. Bei diesen Kindern ist das innere Mutterbild erloschen. Die Mutterbilder sind elementar notwendig, damit die Mutter erkannt und mit früheren Gefühlen der Liebe und des Vertrauens wieder besetzt werden können.

Trennung und inneres Bild 100

Der Partner, von dem man sich getrennt hat, wird bei einer späteren Wiederbegegnung in der Regel als fremd erlebt. Die Vorstellung z. B., mit ihm wieder eine körperliche Nähe herzustellen, lässt einen gleichgültig. Das lässt darauf schließen, dass die inneren Bilder, die einen ursprünglich an den Partner banden, ausgelöscht sind. Das Gefühl "er bzw. sie ist gestorben" bedeutet also, dass in einem selbst etwas gestorben ist, und zwar die inneren Bilder des Partners. Bei dem Gefühl "ich bin tot" ist ein Stück vom eigenen Selbst verloren gegangen. Bei dem Gefühl "er ist tot" hat das verinnerlichte Objekt sich aufgelöst.

Verinnerlichtes Objekt und Trennung 10

Innere Objekte erfüllen die wichtige Aufgabe, das eigene Ich und das Gefühl vom Selbst zu stärken. Die Trennung löst einen zweifachen, schweren Verlust aus - in der Fachsprache ausgedrückt: einen Selbstverlust und einen Objektverlust. Das macht die eigentliche Nähe von Trennung und Tod aus.

Zerbrechen der Einheit 100

Die äußerliche Zweiheit verwandelt sich in einer Partnerschaft zur Einheit, in dem jeder in sich selbst eine Welt errichtet, in der er eigene Anteile mit denen des andern verschmelzt. Auf diese Weise lässt sich in einer Partnerschaft ein Paradies wiederherstellen, das ursprünglich verloren ging. Die Trennung reist das Paradies auseinander und öffnet die Tor zum Abgrund.

Frühgestört durch Trennung 101

Das Kind, dass die Mutter nicht wieder erkennt, hat die frühen inneren Bilder von ihr ausgelöscht. Es ist dadurch unfähig geworden, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Solche Kinder und Jugendliche sind nicht in der Lage, tiefe emotionale Gefühle für andere Menschen zu empfinden und eine enge Beziehung einzugehen. Solche Schwierigkeiten gibt es auch bei vielen Erwachsenen. Der Rückzug und ihre Kontaktlosigkeit drücken die Schwierigkeit aus, innere Bilder von anderen Menschen in sich aufzunehmen, über die sie die Beziehung zu ihnen herstellen könnten. Zwischen ihnen und den anderen liegen Abgründe an Fremdheit. Dadurch bleibt ihre Liebesfähigkeit erheblich eingeschränkt oder wird es gar nicht entwickelt. So können sie sich auch vor neuen Trennungstraumata schützen. Ihr Ich hat sie von den verinnerlichten und unterstützenden Bildern der Objekte unabhängig gemacht. Das macht ihre Einsamkeit, ihr Fremdheit, ihre scheinbare Unabhängigkeit und ihr tiefes Misstrauen aus.

Liebe und innere Bilder 101

Liebe ist nur dann möglich, wenn die Fähigkeit entwickelt werden konnte, den anderen als Person in sich aufzunehmen. Partner, die das nicht vermögen, bleiben zeitlebens durch Fremdheit getrennt. Liebe ist die Fähigkeit, eine innere Einheit mit dem Partner zu schaffen. Die extreme Variante der Fremdheit ist eine Liebe, die das Objekt vollständig in sich aufnimmt, es quasi verschlingt, um das eigene defizitäre Selbstgefühl durch innere Objektbilder zu ersetzen und lebensfähig zu erhalten. Dabei wird das äußere Objekt kaum noch in seiner Eigenständigkeit wahrgenommen; es verliert seine Bedeutung als autonomes und getrenntes Subjekt. Für eine solche Person ist Trennung eine Katastrophe, weil der/die Verlassene seiner inneren stabilisierenden Bilder vollständig beraubt wird.

Trauer Trauerarbeit 105

Jeder schwere Verlust löst Gefühle von Trauer aus. Trauer ist die Raktion auf den Verlust einer nahestenden Person bzw. etwas, von dem innere Bilder existieren. Die Hauptarbeit der Trauer liegt für den Verlassenen darin, die emotionale Bindungen zu dem ehemaligen Partner, zu den inneren Objekte, zurückzuziehen und auf neue Objekte zu übertragen. Dabei besorgt das Ich den Rückzug der emotionalen Kräfte und ihre Umverteilung. Es geht darum, die von den inneren Instanzen geregelte Energieverteilung in eine neue Balance und Stabilität zu überführen.

Trauer als Prozess 108

Bevor ich meine inneren oder äußeren Leichen verbrenne, muss ich verstanden haben, was sie mir bedeuten, warum ihr Verlust so schwer ist und wodurch ihr symbolischer oder realer Tod verursacht wurde. Nur so werde ich wieder frei.

Trauer am Ende des Trennungsprozesses 110

In den wilden Gefühlsausbrüche vom Zorn, Wut, Hass, Verzweiflung und Schmerz, die sich in den ersten beiden Trennungsphasen nach außen entladen und in der Gefühlsgewalt, die sich in der Depression nach innen verlagert, hat das Ich als steuernde Instanz der inneren Vorgänge seiner Herrschaft weitgehend verloren. Wenn das Ich nach abklingen der Gefühlstürme wieder gefestigt ist und seine Kontrolle über die Trieb- und Gefühlswelt zurückgewonnen hat, kann es beginnen, in stiller Weise über die angerichteten inneren und äußeren Zerstörungen zu trauen. Es handelt sich dabei um einen normalen Vorgang der seelischen Verarbeitung eines erlittenen Traumas. Wie eine körperliche Wunde aus der Tiefe heraus langsam ausheilt und schließlich vernarbt, so wird auch ein psychischer Heilungsprozess mit der Trauer abgeschlossen.

Periode als Trauerprozess 112

Bei vielen Frauen ist die Periode mit einem (oft unbewussten) Bedauern verbunden, nicht schwanger geworden zu sein. Nicht selten kann die Periode auch wie die Unterbrechung einer Schwangerschaft, wie ein Abort erlebt werden. So ist die Periode häufig mit einer bewusst wahrgenommen oder unbewussten Trauer über das Ausbleiben oder dem möglichen Abbruch einer Schwangerschaft verbunden. Die enge Nähe von Körperschmerz und Seelenschmerz als regelmäßige und fast lebenslange Erfahrung und der sie begleitende Trauerprozess unterscheiden Frauen und Männer auf einer fundamentale Weise. Die Periodentrauer vertieft die Trauer über einen Partnerverlust in den Fällen, in denen auf Grund entäuschender Erfahrungen in mehreren Beziehungen oder nach einer Ehe die Entscheidung für weitere Kinder oder gar für ein erstes Kind endgültig aufgegeben wird.

Schwangerschaft und Einheit 112

Mit jeder Schwangerschaft vermag die Frau die Erfahrung der frühen Einheit von Mensch und Natur durch die Symbiose von Mutter und Kind wieder herzustellen. Es ist ein elementares Erlebnis, bei dem sie in Wiederholung ihrer eigenen Urgeschichte Mutter und Kind zugleich ist. Die scheinbar völlig unerklärliche Depressionen, die häufig nach einer Entbindung auftreten, dürfte mit diesem erneuten Verlust der Einheit in engem Zusammenhang stehen.

Partnerverlust und Kinderwunsch 113

Die Frau, die nach einem Partnerverlust auch Ihre Wünsche nach weiteren Kindern oder erst recht nach dem ersten Kind endgültig aufgibt, muss die Trauer verarbeiten, diese Erfahrung von Einheit für immer verloren zu haben. Vielleicht verbietet Männer ihr Gebärneid, Frauen diese Trauer zuzugestehen; dies auch, weil sich hinter dem Gebärneid der viel tieferer verbirgt, der Neid auf die Regression- und Verschmelzungsfähigkeit der Frau in der Urerfahrung einer frühen Einheit.

"Verlassen werden" bei Frauen 114

Verlassen werden stellt für die Frau eine Erschütterung ihrer weiblichen Identität und ihres Selbstwertes dar, wobei die Trauer dann dem aufbrechenden Bewusstsein entstammt, wie stark bisher die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit durch die Identifizierung mit den männlichen Interessen eingeschränkt und verhindert wurde. Je mehr das eigene Selbstbewusstsein ein vom Mann geliehenes war, umso tiefer reicht jetzt die Selbstentwertung, die Trauer zusätzlich vertieft.

Selbstentwertung Hoffnungslosigkeit 115

Das Tragische bei einer Selbstentwertung gipfelt in der Entwertung der gesamten gemeinsamen Vergangenheit. Die Liebe, die die beiden verband, der Reichtum an Erfahrungen eines langen zusammen verbrachten Lebens, die Freude und auch die geteilten Sorgen über die Kinder - alles wird hinfällig als habe es nicht existiert, als sei es nicht gelebt worden, als habe es sich nicht gelohnt, ja im Gegenteil, als sei alles Irrtum und Täuschung gewesen: Du hast mich nie geliebt. Die Trauer über eine scheinbar vergebliche Liebe und noch weiter zurückreichend, die Trauer über ein scheinbar vergebliches Leben reicht tief. Solchermaßen sich selbst und die eigene gemeinsamen Vergangenheit abwertend, bleibt auf für die Zukunft wenig Raum. Die Trauer ist die Mutter der Hoffnungslosigkeit.

"Nie mehr" 115

Verlassene Frauen leiden häufiger als Männer unter dem Gefühl "nie mehr" einen geeigneten Partner zu finden. Tatsächlich gehen auch Männer nach einer Trennung öfter und nach kürzerer Zeit wieder eine neue Beziehung ein, während Frauen freiwillig oder unfreiwillig für lange oder auf Dauer allein bleiben.

Alleinsein nach Trennung 115

Frauen haben eine größere Fähigkeit zum Alleinsein erworben als Männer, worauf Männer mit neidvoller Bewunderung reagieren. Gleichzeitg haben Frauen differenziertere Ansprüche an Beziehungen entwickelt. Der Grad ihrer Unabhängigkeit ist eine Mischung aus Entäuschung, Vorsicht, neuem Selbstvertrauen und Idealen, die den Wunsch nach einer Partnerschaft unter gewandelten Bedingungen nicht unbedingt ausschließt. All diese Kriterien gelten für den Mann sehr viel weniger, da ihn seine Unfähigkeit zum Alleinsein abhängiger macht.

Trauer als Ursache für Alleinsein 116

Wenn die Trauer zur Ursache für den freiwilligen oder unfreiwilligen Verzicht auf eine Bindung wird, entsteht ein verhängnisvoller Kreislauf, weil das Alleinsein wiederum Trauer bewirkt. Durch Trauer entsteht Einsamkeit, wie durch Einsamkeit Trauer entsteht. Wenn einen dieser Zirkel erstmal gefangen hält, ist der Trauerprozess besonders langwierig.

Trennung Trauer Schuldgefühl 116

Zur Trauer gehört noch das Schuldgefühl. Wenn die Kämpfe nach dem Partnerverlust ausgekämpft sind, setzt mit der Trauer eine Besinnung darauf ein, durch welche eigene Schuld die Beziehung zerbrochen ist. Schuldgefühle sind unvermeidbar und für jede Weiterentwicklung unentbehrlich, weil ohne sie auch kein Wandel in den eigenen Anschauungen und Verhaltensmustern satt finden würden. Das Schuldgefühl im Trauerprozess bezieht sich auf alles, was im Nachhinein als Fehler und Versäumnis erkennt, ob in der zärtlichen und sexuellen Liebe, im Verständnis und in der Aufmerksamkeit für den anderen oder auch in den anderen Bereichen des gemeinsamen Lebens.

Trennung "leiden" 117

Grundsätzlich unterscheiden sich Frauen und Männer bei der Trauer über das Versprochene und Nichteingelöste, über das gemeinsam Gewünschte und Nichterreichte, das heißt über den Widerspruch zwischen Utopie und Wirklichkeit nicht. Frauen scheinen unter diesen Anlässen der Trauer stärker zu leiden, weil mit der Trennung ihr früh verinnerlichtes Ideal, allein für das Eheglück verantwortlich zu sein, zusammenbricht und Gefühle des Versagens auslöst.

Trennung Kindheit 117

Die meisten Menschen können heute das Scheitern ihrer Beziehung mit eigenen Kindheitserfahrungen in Verbindung bringen. Das Scheitern ist immer auch das Resultat von Problemen, eigenen Schwierigkeiten und Grenzen, die in der Kindheit ihre Wurzeln haben. In der Trauer über den verlorenen Partner trauert man daher auch über den verlorenen Traum einer glücklichen Kindheit. Im Trauerprozessen verarbeitet das Ich die erlittenen Verletzungen. Daher können wir in dem Maße, wie uns die Trauer über den verlorenen Partner gleichzeitig zur Trauer über die Kindheit verhilft, die Anklage und und Schuldzuweisungen an die Eltern, besonders an die Mütter, zurücknehmen und die zugefügten Leiden bewältigen. So gelingt es uns über die Trauer die Kindheit als Teil der eigenen Geschichte zu begreifen, sie so anzunehmen wie sie war, und sie schließchlich der Eigenverantwortung übergeben.

Trennung Kinder 118

Das Gefühl, auch den Kindern gegenüber versagt zu haben, ist erfahrungsgemäß von einer tiefe Trauer begleitet und und betrifft Frauen stärker als Männer. Erschwerend kommt das Erlebnis einer tragischen Wiederholungszwangs hinzu: jetzt bin ich an meinen Kindern genauso schuldig geworden wie meine Mutter an mir, und ich wollte ein Leben lang eine bessere Mutter werden. Diese schmerzhafte Wahrheit ist nur zu ertragen, wenn man den irrtümlichen und nicht selten narzisstischen Anspruch aufgeben kann, allein für das Schicksal der Kinder verantwortlich zu sein.

  • Erstens fühlt sich in der Regel eine Reihe von Menschen für ein Kind verantwortlich und sind an seiner Erziehung beteiligt.
  • Des Weiteren werden Kinder nicht allein durch Umwelt und Erfahrung geträgt: ihre konstitutionellen Voraussetzungen bilden ebenfalls einen wesentliche Motor für ihre Entwicklung.

Kinder sind in der Regel Widerstands-und anpassungsfähiger, als wir Ihnen in unserer überbehüteten Sorge oft zutrauen.

Aufgabe des Ich bei Trennung 119

Bei einer Trennung steht die Trauer über den Verlust des Partners im Vordergrund und damit die Aufgabe für das Ich, die emotionale Bindungen von ihm abzulösen und auf neue Objekte zu übertragen. Aber es würde das Verständnis des Trauerprozesses ungemein einschränken, wenn man ihn lediglich auf dem Partnerverlust bezöge.

Trennung als Ausdruck der Unvereinbartkeit 120

Mittlerweile besteht ein allgemeines Bewusstsein darüber, dass eine Beziehung in der Regel an der Unvereinbarkeit der seelischen Konstellation zwischen beiden Partnern scheitert, wobei meist unbewusste Motive den Zündstoff für die äußerlich oft unverständlichen Schwierigkeiten liefern. Es kann sich keiner mehr von der Rolle des Mitspielers freisprechen. Sich selbst im alleinigen Recht zu fühlen und den andern ins Unrecht zu setzen, wird er als Verleumdungsstrategie durchschaut. Damit wird jeder durch eine Trennung, ob er es wahrhaben will oder nicht, mit sich und all sein Schwierigkeiten konfrontiert.

Kinder und künstliche Symbiose 123

Es ist ein Zeittrend, das Kind zum Nabel der äußeren und inneren Welt der Eltern, und spezielle Mütter, werden zu lassen. Im Rahmen dieser Entwicklung entsteht eine Art künstlicher Symbiose, die die normale Zeit der Abhängigkeit überschreitet und Eltern und Kinder zu sich in wechselseitig Bindenden und Gebundenen und zu Ausbeutern und Ausgebeuteten macht, die ein Leben lang über Schuldgefühle aneinander gekettet bleiben

Trauer bei Männern 124

Die Fähigkeit zur Trauer scheint ein neuartiges Moment in der seelischen Evolution des Mannes zu sein. Sie ist eine Gefühlsqualität, die sich nicht nur auf persönliche Verluste bezieht, sondern dem Mitgefühl und der Mitverantwortung für Menschen, Natur und Gesellschaft entstammt. Trauer kann sich erst dort entwickeln, wo das Unvermeidliche zur inneren Gewissheit verarbeitet wurde.

Mann und Trennung 132

Der entmachtete, entrechtete, äußerlich von seiner Familie getrennte, seiner Vaterrolle und seines väterlichen Ich-Ideales beraubte Mann steht vor einer absoluten seelischen Katastrophe. Ein Mensch reagiert zur Abwendung einer existenziellen Bedrohung, sofern er nicht über reifere Konfliktbewältigungsmuster verfügt, mit Gegenangriff, Flucht oder Totstellreflex.

Verlassene Männer neue Beziehungen 134

Verlassene Männer gehen schnell wieder neue Beziehungen ein. Durch die Katastrophe, vor der diese Männer stehen, besonders wenn sie Väter sind, werden ihnen oftmals die letzten Stützen weggerissen, auf denen sie ihr inzwischen brüchig gewordene Selbstbewusstsein aufgebaut haben. Ihre ganze vermeintliche Macht und Stärke bericht mit der Trennung zusammen, und frühe Erfahrungen von Verlust, und Geborgenheit und Einsamkeit überwinden die Barrieren der Gefühlsverdrängung. Schutzlos sehen Sie sich eine Regression ausgeliefert, die in frühe Stadien der Kindheit zurückreicht. In dieser Situation erfüllt eine neue Partnerin in erster Linie Mutterfunktionen. Entsprechend wird sie in ihrer Geborgenheit verheißenden Zuwendungen stark idealisiert. Was dabei oft als sexuelles Bedürfnis erscheint, ist im psychischen Erleben vielmehr ein primäres Bedürfnis nach Zärtlichkeit, Hautkontakt und körperlicher Wärme. Die Sexualität dient dabei nur der Annäherungan diese Sehnsüchte. Eine solche Konstellation ist meistens zum Scheitern verurteilt.

Vater-Ideal 138

Mann kann nicht nur an Lieblosigkeit verhungern, sondern auch an der Liebe ersticken, die man anderen nicht geben darf. Liebe ist ein aktives und passives Gefühl. Trennt sich ein Mann von seiner Familie, so ist der Verrat des Vater-Ideals und die damit verbundene Loyalitätsverpflichtung den Kindern gegenüber ein Ort großer Schuldgefühle. Der Verrat der Frauen ist nicht so schwerwiegend, weil sie sich von den Kinder trennen müssen.

Kinder und Trennung 140

Der Verrat an den Kindern ist zugleich ein Akt der Opferung. Mit jeder Trennung werden Kinder geopfert für eine neue Leidenschaft und Liebe, für die Idee Freiheit und Selbstverwirklichung oder für konkrete Lebensziele wie Karriere, Geld und Macht. Die Opferthematik spielt bei der Trauer der Kinder eine entscheidende Rolle.

Seelenmord 141

Wir sprechen im Zusammenhang von Trennungen immer dann von Seelenmord, wenn Kinder instrumentalisiert, d.h. als Machtmittel missbraucht werden. Zum Beispiel um einen Partner zu verletzen oder zu erpressen, um ein Recht durchzusetzen oder um für eine Idee zu kämpfen. Es besteht die Gefahr, dass die Kinder um die Durchsetzung der Ziele willen seelisch zerstört werden. Kinder lassen sich nur aus dem Trennunstrauma heraus halten, wenn den Eltern die verborgenen Motive bewusst werden, die immer wieder zu Opferritualen treiben.

Gespür der Kinder 142

Die Kinder habe immer ein deutliches Gespür dafür, im Paardrama für etwas geopfert zu werden, das sie nicht verstehen und wo mit sie nichts zu tun haben, und das Gefühl, mit jeder Opferung ein Stück eigenen Lebens zu verlieren.

Ödipus Komplex 143

Den sogenannten Ödipuskomplex findet man am deutlichsten bei Jungen aus innerlich zerrütteten und geschiedenen Ehen. Dabei wird die Entwicklung des Komplexes durch das Aufwachsen der Jungen bei der Mutter erheblich begünstigt. Entscheidend aber dürfte sein, dass die enge Bindung, Fixierung und Liebe des Jungen zur Mutter durch die bis heute noch verbreiteten Trennungsschwierigkeiten beider Partner besonders gefördert werden. Im Kampf der Geschlechter wird der Junge oft auf dem Altar der mütterlichen Liebe geopfert, in dem die Mutter ihn zu stark an sich bindet, als Partnerersatz missbraucht und dem Vater entfremdet. Unter diesen Voraussetzungen wächst die Liebe des Sohnes zur Mutter und sein Hass auf den Vater in dem Maße, wie er es nicht wagen kann, die ihn allein versorgende Mutter zu enttäuschen, da er sonst auch noch ihre Liebe verlieren könnte. Der Ödipuskomplex entsteht aus einer gestörten Beziehung zur Dynamik im Vater- Mutter- Sohn-Dreieck. Wenn der erwachsene Sohn bei dem Versuch, sich aus der mütterlichen Umschlingen zu befreien, seine verdrängten Hass auf die Mutter in dramatischen Ablösungskämpfen neu belebt und wenn er gleichzeitig versucht, die ihm versagte Identifizierung mit dem Vater nachzuholen und sich mit ihm in Liebe zu versöhnen, muss er einen komplexen Trauerprozess durchlaufen.

  • Der Sohn trauert darum, von seinem Vater verlassen worden zu sein;
  • er trauert darüber, ihn nicht lieben zu können (dürfen) sondern ihn hassen zu müssen, ihn symbolisch zu erschlagen ; die damit verbundene Schuldgefühle verstärken die Trauer.
  • Außerdem trauert er in Identifikation mit seiner Mutter um ihr verlorenes Glück und übernimmt die Rolle des tröstenden und fürsorglichen Beschützer aus, womit er meist überfordert ist.
  • Und schließlich und am tiefsten trauert er darüber, geopfert worden zu sein und dadurch seinen eigenen Weg verfehlt haben.

Ob Jungen oder Mädchen, beide sind ein Opfer im Beziehungsdrama ihrer Eltern.

Hassspirale 148

Das Beziehungsdrama von Eltern kann durch eine um die Eltern zentrierte Geschwisterrevakität erheblich verschärfen. Der Neid und die Eifersucht auf die Liebe des gleichgeschlechtlichen Elternteils kann das Auseinanderbrechen der Ehe beschleunigen. Es geht dann nicht mehr um das Eltern-Kind-Dreieck, sondern um ein mit Geschwisterrivalität konflikthaft zugespiztes Familien-Viereck. Die in der Familie schlummernde latente Hasspirale, in der alle Beteiligten verwickelt sind, bricht mit unverhüllter Gewalt an die Oberfläche, wenn die Struktur zerbricht und das Trennungsdrama von allen verarbeitet werden muss. Dann kann es dazu kommen, das Opfer zu Täter werden. Die Kinder, die in der pathologischen Liebe und dem Vergeltungshass verstrickt sind, rächen das an ihnen begangene Unrecht durch Vater- und Muttermord.

Elternmord 149

Soziale Auffälligkeiten von Kindern mit Trennungsdramen sind nicht nur auf soziale und familiäre Missstände zurückzuführen. Vieles davon hat einen enorm appelierenden Charkter. Die Täterschft der Kinder liegt hier in der aktiven Erzeugung eines schlechten Gewissens als Rache für das erlittene Unrecht. Getrennte Eltern können durch das Agieren ihrer Kinder unter einen massiven Druck von Schuldgefühlen geraten. Manchmal wird die Rücksichtslosigkeit und die massive Zerstörungskrfat, die die Kinder gegen die Eltern mobilisieren sichtbar. In der Regel schädigen sich die Kinder aber im gleichen Maße wie die Eltern.

Selbstschädigung beim Trennungsdrama 150

Die Selbstschädigung beim Trennungsdrama kann von den Kindern ausagiert werden oder sich als nach innen gerichtete Aggression ( Selbstmordrohungen) zeigen oder Gewalt und Misshandlung bei den Eltern provozieren, mit denen die Eltern auf die Provokation und die Rache der Kinder reagieren.

Schädigung der Eltern 150

Die Schädigung der Eltern, ihre Ermordung, reicht von der ständigen Aktivierung ihrer Schuldgefühle, die einen Erwachsenen auf die Dauer moralisch vollständig unterhöhlen können, über dauerhafte narzisstische Kränkungen mit dem Verlust der Selbstachtung (z. B. durch das persönliche oder soziale Scheitern des Kindes) bis hin zur aktiven Zerstörung neuer Partnerschaften.

Kinder als Täter im Trennungsdrama 150

Die Schuld, die sich Kinder für die Trennung der Eltern geben, hängt mit ihrem verdrängten Hass zusammen. Die Kinder spüren ihrer Mitbeteilung sehr genau, genauer als sie von Erwachsenen wahrgenommen und eingestanden wird. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass Eltern erfahrungsgemäß die Struktur ihrer Beziehung zu den Kindern nur selten durchschauen. Im Beziehungsdrama der Eltern werden auch die Kinder schuldig, ob sie es wollen oder nicht. Von der Gestaltung des Dramas hängt es ab, wie tief sie in ihre Schuld verwickelt werden. Entsprechend ausgedehnt ist der Trauerprozess über ihre Mitbeteiligung und Schuld. Es ist wichtig, die Täter und Mittäterschaft von Kindern als Quelle ihrer Schuld und Trauer zuerkennen. Solange wir an der Ideologie der "heilen Familie" orientiert bleiben, werden wir beim Scheitern einer Ehe - wegen unserer eigenen Schuldgefühle - die Kinder lediglich in ihrer Opferrolle sehen und uns darin mit ihnen identifizieren. Das hindert uns aber daran, ihre Mittäterschaft wahrzunehmen und zu akzeptieren. Die Erwachsenen könnten dann aber das Trennungsdrama entschärfen, indem sie irrationale Schuldgefühle besser neutralisieren könnten und neurotische Bindung zu den Kindern entflechten. Unter solchen Bedingungen müssen Kinder ihre Gefühle nicht mehr so stark in Liebe und Hass aufspalten, sondern können ihre Gefühle zusammenführen.


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