Inhaltsverzeichnis

Begriffe in der Abfolge des Textes

Zerstörungen 13

Jede Zerstörung von Illusionen löst zunächst Ängste aus und verstärkt die Versuche, die alte Ordnung zu erhalten oder wiederherzustellen.

Illusionen 18

Illusionen ist ein komplexes psychologisches Phänomen, dass sich der Aufklärung über die Realität hartnäckig in den Weg stellt. Umbrüche in Familie und Gesellschaft sind zwangsläufig mit der Zerstörung von Illusionen verbunden; werden Illusionen nicht als solche erkannt und ihrer Auflösung nicht konstruktiv verarbeitet, dann lösen sie entsprechende Widerstände aus.

Trennungsdrama 18

Besonders im Trennungsdrama verhindert das Festhalten an Illusionen den Trauer-und Versöhnungsprozess und blockiert damit die Chance des Neubeginns.

Illusionen 18

Illusionen gehören zu den spezifisch menschlichen Fähigkeiten, die unlösbaren Widersprüche, Belastungen und Konflikte des Lebens in erträglichen Banden zu lenken. Als Illusion bezeichnet man das Wunschbild, mit dem man sich durch Selbsttäuschung eine eingebildete Wirklichkeit herstellt. Sprachlich entstammt der Begriff dem lateinischen Substantiv illusio, dass Ironie, Täuschung, Verspottung und eitle Verstellung bedeutet ; das dazugehörige Verb illudere hat außerdem die Übersetzung - sein Spiel treiben - worin das Stammort ludus enthalten ist, dass u. a. Spiel, Kriegsspiel, Kinderspiel, Schauspiel, Scherz und Spaß meint.

Verleugnung 18,19

Bei der Illusionen handelt es sich nicht um eine einfache Verleugnung der Realität. Eine Verleugnung beschränkt sich darauf, eine bedrohliche Situation und die daran gebunden Gefühle nicht wahrzunehmen, beziehungsweise emotional nicht zu erleben. Illusion geht weiter, sie macht die Verleugnung quasi krisensicher, indem sie die Realität durch eine Scheinwirklichkeit ersetzt. Dabei weißt ihre Bedeutung als eitle Verstellung darauf hin, dass es besonders die Eitelkeit oder, in der Fachsprache, der Narzissmus ist, der gegen Verletzungen geschützt werden soll.

Vorstellung 19

Viele Menschen halten nach einer Trennung, um die unerträgliche Kränkung zu ertragen, an Vorstellungen fest, der Partner werde irgendwann zurückkommen, im Grunde liebe er einen immer noch, und das gemeinsame Leben sei doch sehr glücklich gewesen. Solche Illusionen zeichnen sich, stärker als ein einfacher Verleugnung, durch eine besondere Zähigkeit aus.

Beschönigung 19

Im Dienst der Illusionen steht aber nicht nur die Beschönigung und Verklärung einer anderen Person und der eigenen Lage, sondern auch die Verketzerung des anderen.

Idealisierung 19

Die Idealisierung ist eine auf einen anderen Menschen gerichtete Form der positiven Illusionen, die dazu dient, die eigene Ambivalenz, d. h. das Schwanken zwischen widersprüchlichen Gefühlen, unter Kontrolle zu halten und die Schattenseiten des andern zu vergolden. Konsequenz einer Therapie kann sein, dass sich die Realisierung nicht auflöst, sondern sogar umgekehrt. Eine Auflösung bedeutet, dass man sich aus der Bindung befreit.

negative Illusionen 20

Bei der negativen Illusionen schlägt die Idealisierung um. Dann illusioniert man den anderen mit Negativbilder eines kalten, berechnenden, untüchtigen, rücksichtslosen und bösen Partner, mit impotenten, faulen, genusssüchtigen, beruflich erfolglosen und lächerlichen Liebhabern. Das Beharren auf solche negativen Illusionen wird zu einem unüberwindbaren Widerstand für die eigene Entwicklung.

heile Familie 20

Mit der Trennung muss der Verlust der Illusion von heiler Familie auf individueller und kollektiver Ebene bewältigt werden.

Zukunft einer Illusion, Freud 20

In seiner Arbeit "die Zukunft einer Illusion" setzt sich Freud mit dem fundamentalen Widerspruch auseinander, der zwischen den Triebbedürfnissen des einzelnen und den Anforderungen der Kultur auf Triebverzicht im Interesse des sozialen Zusammenlebens besteht. Die Kultur oder Zivilisation - Freud unterscheidet darin nicht - schafft sich Institutionen, Regeln und Gebote, wirkt also auf das Individuum den notwendigen Zwang aus, um in erster Linie die zur Lebenserhaltung notwendiger Produktion und Verteilung von Gütern zu garantieren. Die Familie als zivilisatorische Einrichtung diente seit jeher über diese Funktionen hinaus der Erzeugung und Erziehung der Kinder und stellte auf diese Weise die Reproduktion der Gesellschaft sicher. Freuds Kulturkritik richtet sich gegen die religiösen Institutionen, die in ihrem Zwangscharakter das Individuum zähmen und es durch Glauben und Jenseitsversprechungen für seine Triebverzichte entschädigen.

Triebbedürfnisse 21

Welche Form von gesellschaftlichen Druck ist notwendig, um die tendenziell asozialen, d. h. egoistischen Wünsche und Triebbedürfnisse des Einzelnen im Interesse der Gemeinschaft unter Kontrolle zu halten. Dabei ist die Frage, ob eine menschliche Evolution denkbar ist, in der durch freiwilligen Triebverzicht und die Anerkennung gesellschaftlicher Werte ein harmonisches Zusammenleben in der Gemeinschaft möglich ist, ohne dass die Kultur an ihrem Zwangssystem, z. B. der traditionellen Familienform festhalten muss.

Verwilderung sozialer Verhaltensweisen 22

Es ist der Eindruck nicht übertrieben, dass im Gefolge von Trennungen und Scheidungen tatsächlich eine Art Verwilderung sozialer Verhaltensweisen eintritt. Das Ausmaß an Hass, Gewalt, Egoismus, sexueller Willkür und Rücksichtslosigkeit bringt dabei nicht nur schwere Verletzungen der Rechte des anderen mit sich, sondern schlägt häufig selbstschädigend auf den Einzelnen zurück. Damit zeigt sich, dass die Auflösung institutioneller Zwänge erhebliche Gefahren für den Triebhaushalt des einzelnen und für das soziale Zusammenleben mit sich bringt. Was bisher durch die Familie verdeckt war und in Schranken gehalten wurde, tritt dann offen zu Tage. Der Auflösung der Schranken folgt oftmals der Sturz in das strukturlose Chaos. (Dämonen). Diese Gefahren und die mit ihnen verbundenen Ängste bilden die Grundlage für Illusionen, mit denen trotz vieler entgegengesetzter Anzeichen die Familie weiterhin als Hort der Sicherheit und Stabilität, des Glücks und Erfüllung angesehen und ersehnt wird.

Zerfall familiärer Systeme 23

Ein wesentlicher Grund für den Zerfall familiäre Systeme ist der wachsenden Selbstverwirklichungstrend in der Gesellschaft. Hinter dem Wunsch nach Selbstverwirklichung verbirgt sich oftmals ein gegen die Interessen anderer gerichteter Egoismus, der eine enge Verwandtschaft zu pathologischen Formen des Narzissmus hat. (Meinung des Familientherapeut Jürg Willi)

Realität und heile Familie 25

Die Realität zwingt uns, die Illusion von einer heilen Familie aufzugeben. Das ist nicht nur deswegen schwer, weil ihr Verlust uns mit unseren eigenen Schattenseiten konfrontiert und uns damit aufgibt, Angst, Scham und s.Schuldgefühle zu ertragen; der Verlust bedeutet auch die Herausforderung, unsere Schattenseiten in der Weise umzuwandeln, dass sie anderen und uns selber nicht mehr zur Gefahr werden.

Illusionen 25

So sehr Illusionen zunächst zur Verklärung einer bedrohlichen Situation dient, so sehr steht sie einer reiferen Lösung von Konflikten im Wege. Sie bremst neue, der veränderten Lage angemessenen Entwicklungen. Nur in der Konfrontation mit der Realität lassen sich aber die Kraft der Mut finden, nach Wegen zu ihrer Umgestaltung zu suchen.

Seelischer Entwicklungsprozess 27

Der seelische Entwicklungsprozess, der notwendig ist, um auf den Wandel in Familie und Gesellschaft flexibel reagieren zu können, setzt jedoch mehr voraus als den Verzicht auf Illusionen. Persönliche und gesellschaftliche Wege zu Neuorientierung werden durch Illusionen verbaut; aber umgekehrt erfolgt auch ein Rückgriff auf sie, wenn die weiteren Entwicklungsschritte nicht getan werden, die zur Verarbeitung des Trennungstraumas notwendig sind.

Trennung 30

Es ist auffallend, dass die Psychoanalyse die Trennung als eine allen Menschen gemeinsame existenzielle Erfahrung nicht in ihrer archetypischen Dimension und Bedeutung beschrieben hat. Sie anerkennt zwar das Trennungstrauma der Geburt und spätere Trennungen des Säuglings und Kleinkindes von der Mutter als möglicher Faktoren der Neurosenentstehung. Aber Trennung als tief in jedem Menschen verwurzelte, kollektive und auf den Lebensverlauf dynamisch mitgestalten Erfahrung ist bis heute fast unbearbeitet geblieben. Oft werden nur die äußeren Reaktionen geschildert, quasi die Symptome für die aus der Tiefe aufbrechenden Erfahrungen der Trennung. Wenn die Realität das im Unbewussten bereitliegende Leid ins Bewusstsein hebt, wird, wie durch kaum eine andere menschliche Erfahrung das Chaos in Gang gesetzt.

Urtrennung 30

Die Urtrennung findet mit der Geburt des Menschen statt. Die erste Trennung von der Mutter wird damit zu Urerfahrung, zum Urbild und zum Vorläufer aller späteren Trennungen. Sie ist eine allen Menschen gemeinsame, unwandelbar und die Menschheitsgeschichte umspannende Erfahrung und kann daher zu Recht als archetypisch bezeichnet werden.

Begriff Trauma 31

Der Begriff Trauma bedeutet im griechischen Wunde ; er wurde von der Psychoanalyse aus der Medizin übernommen und bedeutet im psychologischen Sinne eine von außen kommende Reizüberflutung und Belastung, die seelischen Verarbeitungsmöglichkeiten kurz-oder langfristig überfordern.

Herkunft des Wort trennen 31

Trennen steht im Zusammenhang mit "zehren" und hat auch die Bedeutung von zerreißen, vergeben, vernichten, abspalten und abhäuten. Verzehr bedeutet nicht nur die Vernichtung und Zerstückelung von Nahrungsmitteln, sondern man verzehrt sich auch vor Schmerz, fühlt sich zerrissen, vernichtet, abgehäutet, wenn man verlassen wird, wenn jemand sich an einem abspaltet und abtrünnig wird. Aus dem Wort "treulos" hat sich der Begriff "trennen" entwickelt.

Sehnsucht 32

Ergebnisse der pränatalen Psychologie zeigen, warum das vorgeburtliche Leben offenbar als tiefe menschliche Sehnsucht erhalten bleibt. Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern reicht in frühen Stadien der Foeten-Zeit zurück. Die schwerelose Geborgenheit in der Wärme des Fruchtwassers, die Weichheit der umhüllenden Gewebe im Zentrum des mütterlichen Leibes und der beruhigende Pulsschlag ihres Herzens stellen ein optimales Milieu des Wohlbefindens und der Sicherheit bereit. Es zeigt sich aber auch, dass die Foeten nicht nur mit Beruhigung reagieren, sondern auch mit Unruhe und Schreck auf die Stimme und die Stimmungslage der Mutter. Dieses allumfassende, runde, vollkommene Gefühl des "Eins sein" bleibt nach der Trennung als archaische Erfahrung und als unstillbare Wunsch und macht das Trauma, die Verletzung durch Geburt verständlich.

Individuation 32

Die Individuation nach der Geburt ist mit Anstrengungen, Anforderungen, Verzichten, Versagungen, Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Der zentrale und lebenslange Konflikt besteht zwischen Regression und Progression, d. h. Weiterentwicklung und Aufbau einer eigenen Person. Dies kann nur gelingen, wenn in einem langsamen und schrittweisen Prozess der Ablösung die innere und schließlich auch die äußere Trennung von dem mütterlichen beschützenden Objekt erfolgt. Der Prozess wird dadurch erschwert, dass nicht nur das Kind die enge Bindung zu Mutter auflösen muss; die Mutter muss ihrerseits die Loslösung fördern, indem sie dem Kind das bleibende Gefühl der Sicherheit und zugleich die notwendige Freiheit gibt.

Trennungserfahrung 33

Die unterschiedlichen Trennungserfahrungen schlagen sich tief in die seelische Struktur jedes Einzelnen nieder und durchziehen als eine die eigene Sicherheit und Existenz jederzeit bedrohende Gefahr das Leben.

Trennungserfahrung durch Geschwister 33

Unvermeidbare Trennungserfahrungen sind mit der Geburt von Geschwistern verbunden. Die teilweise heftigen Reaktionen kommen aus dem Gefühl, einen erheblichen Teil der mütterlichen Zuwendung verloren zu haben, d. h. von ihr verlassen und getrennt worden zu sein. (Ursprung von Eifersucht)

Vermeidbaren und unvermeidbaren Trennungen 34

Für viele Kinder kommt es neben den unvermeidbaren Trennungen zu einer zusätzlichen und lebensbestimmenden Traumatisierung durch gegenwärtige Bedingungen der Sozialisation, die mit vielfältigen, oft vermeidbaren Trennungserfahrungen verbunden sind. Die prägende Bedeutung von Trennungserfahrungen nimmt ihren Ausgang in der Kindheit. Märchen und Mythen sind voll davon. Besonders traumatisch sind Erlebnisse von selbst ausgesetzt, weggeschickt und abgeschoben zu werden oder dieses Schicksal bei anderen Kindern mitzuerleben, einschließlich der endgültigen Trennung durch Tötung im Rahmen ritueller Opfer oder legaler oder illegaler Geburtenregelung.

Unvermeidbarer Trennung 35

Unvermeidbarer Trennung Erfahrungen sind: Geburt und Pubertät. Die Pubertät stellt den Jugendlichen vor die Aufgabe, nun endgültig seine eigene Identität zu entwickeln und sich innerlich wie äußerlich immer mehr von den Eltern zu lösen. Dieser Prozesse wird in unserer Gegenwart für viele Jugendliche außerordentlich erschwert, weil die enge emotionale Verflechtung, wie sie für die heutige Familie charakteristisch ist, und die ausgeprägte Kinderzentriertheit der Erziehung zu starken, wechselseitigen Bindungen zwischen Eltern und Kindern führen. Das Erwachsensein ist mit der Berufsfindung und Familiengründung verbunden. Er bedeutet die endgültige Trennung von der Ursprungsfamilie. (So sollte es sein) Die Realität weicht davon häufig ab. Die neue Familie wird, wenn auch mit veränderten Rollen, unbewusst als Fortsetzung der Alten erlebt. Das betrifft besonders die Erfüllung elementare Bedürfnisse wie Sicherheit, Geborgenheit, Verständnis, Zärtlichkeit und Liebe. Eine echte Trennung im Interesse einer autonomen Entwicklung findet häufig nicht statt.

Gelungener Trennungsprozess 36

Sind die Kontakte zwischen der Herkunftsfamilie und der eigenen auf konfliktfreier, wechselseitige Anerkennung und Unterstützung aufgebaut, kann man davon ausgehen, dass der Trennungsprozess und die Individuation gelungen ist.

Trennungserfahrungen in der Lebensmitte 36

Die krisenanfälligste Phase ist die Lebensmitte. Am schwierigsten ist hier der Abschied von Idealen, Hoffnungen, unerfüllten Wünschen und Fantasien, die man an die Verwirklichung des eigenen Lebens, an den Beruf und an die Gesundheit und körperliche und geistige Leistungsfähigkeit geknüpft hat; dazu gehören auch die Erwartungen an die Liebe zu einem anderen Menschen, an die Familie, an die Entwicklung der eigenen Kinder und nicht zuletzt der Verlauf der selbst erlebten politischen und gesellschaftlichen Geschichte. Die Trennung von diesen mehr oder weniger schmerzlich enttäuschten Lebensträumen und auch von Illusionen erfordert viel Kraft und hinterlässt ohne eine gründliche Neubewertung und Umorientierung Dauergefühle von Einsamkeit und Gescheitertsein.

Tod der Eltern 36

Zur existenziellen Trennungserfahrung in der Lebensmitte gehört der Tod der eigenen Eltern. Solange sie noch leben, standen sie als schützende Gestalten im Hintergrund. Oft sind es mehr die inneren Urbilder - in der Psychoanalyse spricht man von inneren Objekten -, die die Eltern in früher Kindheit in einem angelegt haben, die dieses Grundgefühl von Schutz, Zusammengehörigkeit und familiärer Geborgenheit vermitteln, auch wenn diese äußerlich nicht mehr bestehen. Der Tod zerreißt scheinbar dieses Band und liefert einen dem definitiven Alleinsein aus. Kompliziert wird diese Erfahrung bei Menschen, die in dem Gefühl groß geworden sind, von ihren Eltern nie im Leben das notwendige Maß an Liebe und Zuwendung bekommen zu haben. Auch wenn es real so war, hört die Sehnsucht niemals auf, eines Tages doch noch von den Eltern für die Versäumnisse entschädigt zu werden und doch noch die lebenslang ersehnte Liebe zu finden. Diese Menschen stehen mit dem Tod der Eltern vor der schmerzhaften Erkenntnis, dass sich nun ihre Sehnsucht nie mehr erfüllen wird. Von ihnen müssen die drei Trennungphasen besonders tief durchschritten werden.

Übertragung 43

Als Übertragung bezeichnet man ein Mechanismus, mit dem jeder Mensch dazu tendiert, die Erfahrungen, die er als Kind mit seinen Eltern und Geschwistern gemacht hat, später auf nahe stehende Personen zu übertragen. So enthalten die auf eine Frau gerichteten Wünsche und Fantasien, aber auch die Enttäuschung des Mannes oft die unverkennbaren Spuren seiner verinnerlichten Mutterbilder; und umgekehrt überträgt die Frau solche ihres Vaters auf den Mann.

Ambivalenzen 45

Ambivalenzen, das heißt das Gleichzeitige vorhanden sein von positiven und negativen Gefühlen einem anderen Menschen gegenüber gehören bis zu einem gewissen Grad zu jeder normalen Partnerschaft. Sie bilden sich aus dem bereits in der frühen Beziehung des Kindes zu seinen Eltern aus; diese werden wegen ihrer beschützenden und versorgen und Funktion einerseits geliebt, aber zugleich wegen der Autonomie- und Befreiungswünsche als verbietende und einengende Instanzen erlebt, von denen sich das Kind durch Trotz und Wut abgrenzen muss. Entscheidend für die Beziehung im Erwachsenenalter ist die Kenntnis solcher normalen Ambivalenzen bei sich selbst und beim Partner und die daraus wachsende Toleranz, sie für beide zu akzeptieren. Nur positive Gefühle für den anderen hegen zu wollen oder von ihnen zu erwarten, würde einer Illusion über die psychische Realität entsprechen. Aus Unkenntnis und Verleugnung von Ambivalenzen können schwerwiegende Missverständnisse und viel Leid entstehen.

Dialog 46

Es gehört zu den wichtigen und grundlegende Tatsachen menschlichen Erlebens und Verhaltens, im Konfliktfall den Dialog nicht einzustellen, sondern gerade dann mit größter Offenheit zu suchen.

Innere und äußere Bedrohung 46

Viele Ängste sind Ausdruck eines Signals für innere oder äußere Bedrohung. Innere Bedrohungen manifestieren sich als Triebangst, als Gewissensangst und als Narzisstische Angst.

Unterschiedliche Ängste 47

Eine Triebangst entsteht z. B. durch einen starken, unbewusst bedrängenden aggressiven Impuls, dessen Entladung nach außen für das Individuum mit einer großen Gefahr verbunden wäre und deswegen durch die Angst gebremst wird. Die Gewissensangst verhindert die Übertretung eines Verbots und dient der Vermeidung quälender Schuldgefühle. Die narzisstische Angst drückt die Bedrohung der Selbstwertregulation und des narzisstischen Gleichgewichts aus; durch sie werden Handlungen unterbunden, die das Objekt starken Gefühlen von Scham, Lächerlichkeit und Wehrlosigkeit preisgeben würden. Die Signalangst bei einer äußeren Bedrohung versetzt das Individuum in die Lage, rechtzeitig auf die Gefahr zu reagieren. Es sind dann drei Reaktionen bekannt: der Gegenangriff, die Flucht und der Totstellreflex

Trennungsangst 47

Die Trennungsangst es eine zusammengesetzte Angst. Die sowohl ein Signal für die innere Bedrohung des narzisstischen Gleichgewichts, als auch für die äußere Bedrohung durch Verlassenwerden. Beide Bedrohungen verstärken sich wechselseitig. Die Formel für die innere Bedrohung heißt: ich bin ich nicht wert, dass er/sie bei mir bleibt. Die Formel für die äußere Bedrohung lautet: du bist nicht wert, dass ich bei dir bleibe. Dabei verstärkt die äußere Entwertung die innere Selbst- Entwertung.

Selbstwertgefühl 47

Menschen mit einem relativ sicheren Selbstwertgefühl lassen sich durch äußere Entwertung kaum ernsthaft in Frage stellen. Menschen, die ständig von Selbstzweifel geplagt sind und sich abwerten, provozieren gerade Trennungstendenzen beim andern. Die innere Selbst-Entwertung bedingt letztlich die äußere Trennung.

Abwehr von Trennungsängsten 49

Ein Mechanismus, um Trennungsängste abzuwehren, ist, auf die innere und äußere Gefahr mit einem Angriff oder Gegenangriff zu reagieren. In der mildesten Form nennt man das Streit. Seine Variationsreite reicht vom streitsüchtigen, kampfeslustigen und starrsinnigen Bestreiten und Abstreiten über Kritik, Vorwurf, Anschuldigungen und Verdächtigung bis zur Beschimpfung und beleidigenden Herabsetzung. Diese Formen der destruktiven Kommunikation ersetzen den Meinungsaustausch, das klärende Gespräch und die Auseinandersetzung, die zur konstruktiven Erhaltung der gemeinsamen Basis notwendig wären. Angriff und Gegenangriff bleiben bei einem drohenden Trennungsverlust nicht auf einem verbalen Streit beschränkt. Neben Streit gibt es auch die Reaktion von Flucht und Totstellreflex. Der verbreitetste Fluchtmechanismus besteht in einer Kombination von äußerem inneren Rückzug. Die äußere Flucht ist erfinderisch. Wir kennen sie als Flucht zum Fernseher, in den Alkohol, in die Arbeit, ins andere Schlafzimmer, als Flucht ins sexuelle Abenteuer, zu Freunden, zum Joggin und zu vielen anderen Möglichkeiten der Vermeidung von Konflikten und der Ersatzbefriedigung. Die innere Flucht besteht häufig im Gesprächsabbruch, in der Aufkündigung der Kooperation und in der Unberührtheit und Kälte bis zur sexuellen Verweigerung. Die damit verbundenen Gefühlsverdrängung und Einsamkeit entsprechen einem Totstellreflex.

Protestphase 59

Die Protestphase beim Erwachsenen ist die dramatische Phase nach einer Trennung und kann sich über Wochen bis Monate hinziehen. In ihr werden unverkennbar kindische Verhaltensmuster neu belebt, die nach dem Verlust der Mutter auftreten. Zu ihnen gehören Schreien, Toben, lautes Geheul, Brüllen, Beschimpfen, dass Einschlagen auf Tischen und Türen, die Zerstörung von Eigentum des andern und vieles andere. Es ist eine wilde Entfesselung von Trotz, Wut, Hass und Vergeltung, um sich dem Trauma der Trennung entgegen zu stemmen. Der Kampf ist eine Auflehnung gegen die Gefühle absoluter Hilflosigkeit und Ohnmacht, in die man durch das Alleinsein stürzt.

Trennung, ein narzisstisches Trauma 60

Trennung stellt immer ein schweres narzisstisches Trauma dar, die Verletzung des Gefühls durch den Verlust des schützenden anderen, wie damals, als die Geburt die Einheit mit der Mutter zerbrach, oder wie später, wenn sie wegging und man noch zu schwach war, das Alleinsein zu ertragen. Die narzisstische Wut dient in erster Linie dazu, die Kränkung ungeschehen zu machen und die Einheit wiederherzustellen. Es ist der einleuchtend, dass sie umso wilder aufflammt, je mehr der Partner narzisstische Funktionen hatte, d. h. er dazu diente, die frühe Symbiose mit der Mutter zu ersetzen. Es ist zu einseitig, wenn man das Trennungstrauma alleine aus den frühen Trennungerfahrungen ableiten wollte. Unabhängig von jeder Vorgeschichte stellt jede Trennung auch ein Verrat war.

Trennung und Verrat 61

In seiner allgemeinen Form bezeichnet ein Verrat die Preisgabe von Geheimnissen, um einen anderen zu schädigen oder gar zu verderben. So wird die Trennung in der Regel erlebt. Das aufgedeckte Geheimnis heißt: der Verlassene ist ein Versager, ein schlechter Mensch, geistig, selig oder sexuell unbefriedigend, einer, mit dem man nicht weiterleben konnte. Jetzt weiß es alle Welt. Und die Erniedrigung, Schuld und Scham hat er allein zu tragen. Die öffentliche Denunziation kommt einer Vernichtung gleich. Mit diesem Skandal, dieser Bloßstellung, mit diesem Stigma ist man für das weitere Leben gekennzeichnet. So irrational auch solche Gefühle in heutiger Zeit sind, so greifen Sie doch auf frühere und tief eingepflanzte individuelle wie kollektive Erfahrung zurück, bei denen die soziale Angst, von der Gemeinschaft geächtet werden, gegen alle Einsicht das Bewusstseins vorherrscht. Die Trennung bedeutet die Aufgabe aller Gemeinsamkeiten und Ideale, die das Leben bisher getragen und zusammengehalten haben. Mit ihnen fühlt man sich im Stich gelassen, um sie betrogen. In jedem Menschen steckt ein potenzieller Verräter.

Verrat 62

Der Verrat stellt in seiner umfassenden Bedeutung eine Verletzung des Loyalitätsprinzips und des Gerechtigkeitssinns dar. Damit wird er zu einem tief empfundenen Unrecht. Das Erleiden von Unrecht und Ungerechtigkeit kann, entsprechend der elementaren Verletzung, ein archaische, alle Grenzen sprengende Vergeltungsaggression entfesseln.

Kontrolle 62

Viele ansonsten stabile und von ihrer Umwelt menschlich geschätzte Personen können in der akuten Trennungssituation alles Maß und alle Kontrolle verlieren. Sie stellen unsere Normalitätsbegriffe erhebliche Frage. Diese Sozialisation hat eine Kultur der Angepasstheit geschaffen, bei der in Vergessenheit geraten ist, über welche Urkräfte und dabei antisozialen Trieb- und Gefühlskräfte der Mensch verfügt. Wenn sie in Erscheinung treten, werden sie als dämonische und unmenschliche Kräfte verdammt und in unsere zivilisierten Zeit mit Krankheitsbegriffen belegt. Offensichtlich aber erschüttert das Trennungsdrama als existenzielle Erfahrung die tiefsten Schichten der Person und wühlen in ihrem Orcus, ihrer Hölle, ihren Unterbau bis zur besinnungslosen Entladung auf.

Rache 63

Rache ist die Vergeltungsaktion nach einem erlittenen Unrecht. Bei Frauen wie bei Männern ist die Rache nach einem Trennungsverlust der Grund, aus dem alle Bosheit, Bösartigkeit, Heimtücke, Falscheid, Lüge, Arglist und Niedertracht erwachsen, zu denen der Menschen in unerschöpflichem Erfindungsreichtum fähig ist. Dabei scheint die Rache der Frauen oft unstillbare zu sein, da dem Mann der Erfolg seiner körperlichen Überlegenheit und die Unterwerfung des Opfers eine größere Befriedigung verschafft, die der Frau meistens versagt bleibt. Sie ist gezwungen, andere Mechanismen zu entwickeln, die in ihrer Heimlichkeit und Hinterlist zuweilen umso gemeiner und verletzender sein können.

Neid 64

Mit der Rache ist ein Gefühl eng verbunden, dass in seiner seelischen und sozialen Tragweite wenig beachtet wurden: der Neid. Neid ist ein außerordentliche destruktive Reaktion auf schwere frühkindliche Frustrationen, durch die es zu einer mangelnden Integration eigener aggressiver Triebbedürfnisse kommt. Der Neid bezieht sich nicht nur auf einen anderen Menschen, sondern auf die weiteren Vorteile, die der Partner nach der Trennung für sich verbuchen kann.

Protestphase 65

Der Trennungschock, die narzisstische Kränkung, die Hilflosigkeit und Ohnmacht, die Rache und der Neid sind wohl die elementaren Gefühlsmächte, die sich in der Protestphase zu gewaltigen Eruptionen mischen. Andere Gefühlsqualitäten wie Wut, Hass, Zorn, Feindseligkeit, Erbitterung, Enttäuschung und Abneigung werden zu Beschreibung dieses Zustandes von der Alltagssprache mehr benutzt, weil sie für die Selbstwertregulation nicht so bedrohlich und daher bewusstseinsfähiger sind. Die elementaren Gefühle werden dagegen nur bei großer innerer oder äußere Bedrohung aus der Verdrängung gelöst. Sie stellen einen Versuch des Individuums dar, durch äußerste Kraftanstrengung Stress Belastung auszugleichen, um das körperliche und seelische Gleichgewicht zu erhalten oder wiederherzustellen. Die scheinbare Irrationalitä vieler Handlungen im Trennungsdrama lässt sich durchaus als verständliche und zweckvolle Gegenwehr verstehen.

Selbstverteidigungskonzept 66

Das unglückliche Missverständnis im Verteidigungskonzept in der Protestphase liegt darin, dass der angegriffenen Partner die Reaktionen nicht als Ausdruck einer tiefen Verletzung und Verletzlichkeit erkennt, sondern sie als einseitig gegen sich gerichtet erlebt; dadurch wird er in seiner negativen Einschätzung der Situation noch bestätigt und schraubt durch oft gefühlslose Gegenreaktionen den Konflikt weiter hoch.

Das Unabänderliche 69

Die zweite Phase des Trennungsdramas ist daran zu erkennen, dass die Kraft zum Kampf verbraucht ist. Der Protest hat sich erschöpft. Das Unabänderliche als einen von seiner Sinnlosigkeit überzeugt. Die Hoffnung, der andere könnte zurückkehren, ist endgültig zerschlagen. (Nicht selten durch eigenes zutun, bei der Aufruhr des Protestes von beiden unverstanden blieb und die Spaltung vertiefte.)

Trennungsschmerz 71

Der Trennungsschmerz bezeichnete Schmerzen nach der Trennung. Bei Kindern zeigt sich nach der Trennung von der Mutter und nach der Protestphase im Schmerz, das der Urschmerz wiederholt wird, allein zu sein. Dies ist äußerlich als Gfühl von Verzweiflung zu erkennen. Deswegen kann der Schmerz beim Kind, aber auch beim Erwachsenen, zerrodend sein. Erlebt den Urschmerz der Trennung als archetypische Erfahrung neu. Dieser Schmerz zeigt sich, nachdem die Abwehrkräfte in der Protestphase verbraucht wurden, in Gefühlen von "verrückt zu werden", "an Herzinfarkt zu sterben" oder "sich umbringen zu müssen". Dieser Schmerz droht die körperliche, seelische und geistige Ganzheit zu zerreißen.

Vitale Bedrohung 72

Verzweiflung und Trennungsschmerz stellten eine vitale Bedrohung körperlicher wie seelischer Funktionsabläufe dar. Stress psychologisch spielt bei allen daraus folgenden Erkrankungen eine ins körperliche umgeschlagene, nach außen nicht mehr kann realisierbare Aggressionen eine erhebliche Rolle.

Phase der Verzweiflung 74

Von Kindern weiß man, dass sie in der Verzweiflungphase trotz wachsender Hoffnungslosigkeit innerlich noch stark auf die Mutter bezogen sind. Dies trifft auch für Erwachsene in ihrer Einstellung zum abwesenden Partner zu. So schreiben manche noch längere Zeit Briefe oder Gedichte an dem Partner. Leider können nur wenige Menschen, die weggegangen sind, Briefe oder andere Zeugnisse des langsamen Abschieds annehmen ; sie sind ihnen lästig, werden als Wiederannäherungsversuche missverstanden und vor allem - sie lösen Schuldgefühle aus. Dabei sind sie normale Ablösungsschritte in der Phase der Verzweiflung, um den Trennungsschmerz erträglicher zu machen. Zu diesem Zweck schreiben andere Menschen tage- und nächtelang viele Tagebücher voll und rekapitulieren darin die gemeinsame Geschichte, umsie besser zu bewältigen.

Fixierung 75

Jeder Mensch braucht nach einer Trennungszeit, um sich auch innerlich von Partner frei zu machen. Dabei handelt es sich nicht um eine krankhafte Fixierung, die man dem anderen oder sich selbst vorwerfen muss. Wenn, sich die Zeit zu nehmen oder dem anderen geben zu können, das beschleunigt paradoxerweise den Abrüstungsprozess.

Entwurzelt sein 76

Eine Ablösung ist deswegen so schwierig, weil der Menschen in einer langjährigen Bindung im anderen ein weit verzweigtes Wurzelsystem an Gefühlen ausgebildet hat, dessen Ursprungswurzeln bis in die früheste aller Verbindungen zurückreicht. Das Gefühl nach einer Trennung, "entwurzelt zu sein", drückt den Verlust von Mutterboden aus, der mit der Geburt verloren geht.

Gefühlswurzeln 77

Bei der Einheit zweier Partner haben sich die Gefühlswurzeln des einen im anderen verankert. Bei einer Trennung müssen die Gefühlswurzeln aus dem andern herausgenommen und gleichzeitig ertragen werden, dass der andere seine Wurzeln herauszieht. Dieser doppelte Verlust ist für den Verlassenen sehr viel schmerzvoller, wenn man davon ausgeht, dass seine Gefühle noch lebendiger und stärker sind als beim anderen.

Narkose 77

Der Trennungsschmerz als körperliches und seelisches Geschehen, als psychosomatischer Prozess, kann so unerträglich sein, dass man ihn kaum ohne Narkose übersteht. In der Verzweiflungsphase neigen Menschen häufig zu Betäubungsmitteln: Tabletten, Alkohol, Nikotin, übermäßige Fernsehen, Vergnügungen und Sex. Beim Sex täuscht man sich selbst und dem flüchtigen Partner die Überwindung des Trennungsschmerzes vor. Auch in festen Bindungen, die man in dieser Zeit eingeht, holt der Trennungsschmerz einen schnell wieder ein; sie haben deswegen auch wenig Bestand. Verzweiflung lässt sich nicht überlisten.

Masochismus 78

Der Masochismus eines Menschen bedeutet nach Trennungen und Scheidungen nicht selten ein unüberwindbares Hindernis bei der Bewältigung des Trennungstrauma. Unter Masochismus verstehen wir eine Neigung, Leiden auf sich zu ziehen, an ihm fest zu halten und, was schwieriger zu verstehen ist, das man Leiden in einer bestimmten Weise dabei genießt. Die Entstehung dieses psychischen Mechanismus ist sehr kompliziert und geht in die frühkindlicher Verarbeitung des Aggressionstriebes zurück. Der größte Gewinn steckt wohl in der vermehrten Zuwendung und Anteilnahme, die der Leidende durch seine Umwelt erfährt. Dies kann noch erheblich gesteigert werden durch den sogenannten masochistischen Triumph: In dem man sein ganzes Leiden möglichst wirkungsvoll in Szene setzt, kann man dem andern sein Unrecht umso eindringlicher vor Augen führen und seine Schuldgefühle verstärken. Der Triumph besteht darin, den anderen zu bestrafen und das Recht für sich allein in Anspruch zu nehmen. Deswegen sperrt sich der masochistische Mensch so stark gegen eine korrigierende Einsicht.

Masochismus und Verzweiflungsphase 79

Der Masochismus tritt in Verzweiflungsphase häufig in Erscheinung. Das erklärt sich zum einen aus der Schwere des Leids und zum anderen aus der beschriebenen Tatsachen, dass die vorher nach außen abreagierte Aggression dieser Phase stärker nach innen gerichtet ist. Letzlich kehrt sich die im Masochismus gebundene Aggression gegen die eigene Person. Das wird oft dann erkennbar, wenn nach der Trennung die anfängliche Zuwendung und Parteinahme der Umgebung allmählich erlahmt. Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Ein dritter kann den Anblick eines fortgesetzten Leidens nur für einen begrenzten Zeitraum ertragen,
  2. Die Verweigerung wirksamer Hilfe und das Beharren auf den Leidenszustand trifft auf wachsendes Unverständnis und löst zunehmend mehr Ohnmachtsgefühl in der Umwelt aus.

Kinder und Trennung 80

Das eigentlich Traumatische, Verunsichernde und die Identitätsbildung des Kindes gefährdende ist die unmittelbare Erfahrung von der Entfesselung archaischer Gefühlskräfte und der Entgleisung der seelischen Kontrollmechanismen bei den Eltern. Diese Erfahrungen beziehen sich auf alle drei Phasen der Trennung. Die Gefühlstürme der Eltern, ihr Hass, ihre Gewalt, ihre Rache, ihr Neid, ihre Verzweiflung, ihre Tränen, ihre Resignation und Depressionen und das Unrecht und die Verletzungen, die sie sich wechselseitig zu fügen, bedeutet für das Kind eine akute Bedrohung seines seelischen Gleichgewichts. Jedes Kind steht in seiner eigenen Entwicklungen vor der schwierigen Aufgabe, seine zunächst noch ungeordneten und wilden Trieb- und Gefühlskräfte zu sammeln, sie zu koordinieren und in einer Struktur einzubinden, die ein Zusammenleben in der sozialen Gemeinschaft erst möglich macht.

Sozialisation 81

Bevor ein Kind genügend eigene innerere Instanzen ausgebildet hat, bedarf es der Außenwelt, in erster Linie der Eltern, die die Aufgabe übernehmen. Man spricht hierbei von Sozialisation. Ihre primäre Voraussetzungen beruht auf der menschlichen Fähigkeit zur Identifikation. Das Kind identifiziert sich mit den elterlichen Verhaltensweisen und ihren sozialen Normen und baut daraus eine eigene Identität auf. Dabei dient die innerer Triebkontrolle der Herstellung von innerer und äußerer Harmonie.

Entfesselung der Triebkräfte 81

Die Entfesselung von elterlichen Triebkräften und der Verlust der eigenen Kontrollmöglichkeiten bringt für ein Kind nicht nur eine unmittelbare Bedrohung der äußeren, sondern vor allem seiner inneren Harmonie mit sich. Wenn die steuernden Funktionen der Eltern entfallen und dem Kind die Möglichkeit zur Identifikation genommen werden, gerät es in eine Krise,weil es jetzt wieder von seinen eigenen inneren Triebkräfte überschwemmt wird.

Verhaltensstörung nach Trennungen 81

Die Verhaltensstörungen und psychisch auffälligen Reaktionen von Kindern nach einer Scheidung sind nur mittelbaren durch die Trennung selbst bedingt; primär sind diese Veränderungen auf einer Erschütterung der inneren Balance bei der Regulation eigener Trieb- und Gefühlsvorgänge zurückzuführen. Die Schwere der Störung hängen von dem Grad und der Dauer der elterlichen Entgleisung ab und davon, in welchem Stadium der Triebreife, d. h. in welchem Alter sich das Kind befindet

Familientrieb 81

Man kann beobachten, dass besonders kleine Kinder immer wieder den sehnlichen Wunsch ausdrücken, die Eltern sollten wieder zusammenkommen. Dabei handelt es sich nicht um einen angeborenen Familientrieb, sondern das Kind will mit der Zusammenführung der Eltern zu seiner inneren Harmonie zurückfinden. Wenn die Eltern ihre psychische Kontrolle wiedererlangt haben, werden die Abwehrkräfte des Kindes wieder stabilisiert. Die Eltern nehmen dann als Identifikationsobjekten ihre steuernde Funktion wieder auf.

Kontollverlust durch Trennung 82

Der Wunsch nach der alten Ordnung der Familie ist in den Fällen besonders ausgeprägt, in denen durch den Aufruhr des Trennungsdramas die Interesse des Kindes zu kurz kommen oder sie sogar ausgesprochen vernachlässigt werden. Hierbei ist nicht nur der Liebesverlust für den Wunsch bestimmend, sondern dass sich selbst überlassene Kinde verliert auch die äußerlich notwendige Kontrolle über sein Gefühls-und Triebleben Verwahrlosung und Kriminalität von Kindern und Jugendlichen sind Störungen, die nicht durch die Trennung an sich, sondern durch den Verlust eines kontrollierenden und strukturierenden Umfeld verursacht werden. Das äußere Chaos der Eltern lässt das innere Chaos der Kinder grenzenlose und wild wuchern.

Verlust an Vertrauen 82

Das Misstrauen und die Angst vor späteren Beziehungen, die man öfter bei Trennungskindern im Erwachsenenalter antrifft, entstammen nicht nur der Angst von der Wiederholung des Trennungstraumas, sondern wesentlich aus den Erfahrungen der inneren und äußeren Bedrohung durch die Intensität der entfesselten Gefühlskräfte der Eltern. Die berechtigte Angst des Kindes, zum Opfer der unkontrolliert herrschenden Gewalten seiner Eltern zu werden, bestimmen besonders seinen Wunsch nach Wiederherstellung des Friedens. Dauerhafte Bedrohungen durch die Eltern können zu einem tiefgreifenden Verlust von Vertrauen und Sicherheit führen.

Schuldgefühles des Trennungskind 83

Man erlebt immer wieder, dass sich Kinder die Schuld für die Trennung der Eltern geben. Der Grund für die kindlischen Schuldgefühle sind zu suchen im Hass des Kindes auf der Eltern, Erwachsene, die das Kind durch die beschriebene innere und äußere Bedrohungen ängstigen, die ihnen die Identifikationsmöglichkeiten entziehen und die das Kind in seinem Sinne für Gerechtigkeit und Loyalität (zu wem von beiden soll ich halten) verletzen. Deshalb ziehen sie unweigerlich ein hohes Maß an Vergeltungsaggression und Enttäuschungshass auf sich. Andererseits appelliert das ganze Verhalten der Eltern an Mitleid, Verständnis, Anteilnahme und Hilfsbereitschaft des Kindes. Aus diesem Konflikt zwischen Mitleid und Hass entsteht das Schuldgefühl. In ihm ist der Hass gebunden, weil die Eltern, so hilflos und labil in der Situation selbst sind, diesen Hass des Kindes auch gar nicht aushalten könnten; er würde sie noch mehr zerstören.

Schuld statt Hass 83

Die Schuld für die Trennung der Eltern zu ertragen ist noch leichter als den Hass auf die Eltern offen auszudrücken und seine Konsequenzen fürchten zu müssen. Die schrecklichste Konsequenz für das Kind in der Trennungssituation wäre es, durch weiteren Liebesverlust für seinen Hass bestraft zu werden.

Durcharbeiten des Trennungstraumata 83

Die durch eine Trennung entstandenen Schuldgefühle können durch eine vertiefte Einsicht in die Zusammenhänge abgebaut werden. So schmerzliches ist, steht jedoch fest, dass nur durch eine emotionale korrigierende und durchlittene Erfahrung in Verbindung mit mehr Wissen und Erkenntnis das Trennungstrauma bewältigt wird.

Internalisierung des verlorenen Objekts 85

Nach einer längeren Trennung von der Mutter scheinen Kinder diese nicht mehr wieder zu erkennen und jeden Körper- und Gefühlskontakt gleichgültig abzulehnen. Nach der Meinung von Freud reist in der Depressionen jede gefühlsmäßig Verbindung mit dem verlorenen Partner ab. In Wirklichkeit hat der Betreffende das verlorene Objekt nicht aufgegeben, so dass er dadurch eine unbewusste Identifizierung nach innen verlagert. Dies ist besonders dann der Fall, wenn es sich in der Partnerschaft nicht um die Beziehung autonomer und erwachsener Personen handelt sondern durch eine narzisstische Partnerwahl das eigene Selbstbild gestützt werden sollte. Hört man den Selbstvorwürfen dieser Menschen geduldig zu, so wird deutlich, dass es sich bei den Klagen eigentlich um Anklagen gegen das verinnerlichte Objekt handelt. Das bedeutet, das in der dritten Phase der Trennung in der Drepressionn der Kampf mit dem Objekt nach innen verlagert wird.

Überspringen von Trennungsphase 1 und 2 86

Menschen, die sich durch eine stärkere Aggressiongehemmtheit und durch ein strenges, moralisches Über-ich auszeichnen, überspringen die ersten beiden Phasen und entwickeln stattdessen unmittelbar nach dem Objektverlust eine Depression. Sie quälen sich mit Schuldgefühlen und Selbstanklage und machen sich allein für das Scheitern der Beziehung verantwortlich. Erst wenn man sie von außen darauf aufmerksam macht, können sie die verdrängte Enttäuschung und Wut auf den andern zu lassen.

Trennungsdepression 86

Der Verlassene zieht in der Depression alle gefühlsmäßigen Energien vom verlorenen Objekte und auch von der weiteren Außenwelt zurück. Nach langem Kampf, Schmerz und Verzweiflung scheinen aller körperlichen und seelischen Kräfte verbraucht zu sein. Körperlich drückt sich dieser Zustand in Kraftlosigkeit extremer Ermüdbarkeit und den Gefühlen allgemeiner Erschöpfung aus. Entsprechend verläuft diese Phase im Unterschied zu den früheren nach außen in ruhiger. Dadurch entgeht sie der Umwelt, zumal dann, wenn sie mit vielen Kontakterbrüchen verbunden ist. Der Depressive wird auf sich alleine zurückgeworfen.

Trennung und Wertverlust 87

Verlassenen sprechen von Gefühlen der Sinnlosigkeit. Aktivitäts- und Interessenverlust ergänzen ihre Schuldgefühle und Selbstanklage. Hinzukommt eine oft extreme Verarmung der Selbstachtung. Die Überzeugung, in der Partnerschaft versagt, viele Fehler gemacht zu haben, kann sich zum Gefühl absoluter Wehrlosigkeit und zum Verlust jeder Hoffnung steigern. Als Folge des Trennungsverlustes wird das eigene Leben nicht mehr als etwas Schützenswertes erlebt - es kann auch verloren gehen. In dieser Phase steht das Gefühl "tot zu sein" im Vordergrund.

Idealisierung 89

Die Idealisierung ist ein verbreiteter Abwehrmechanismus gegen eine oft mörderische Aggressionen. Mit ihr rettet sich das Individuum und spezielle das Kind davor, durch seinen Hass das andere Objekte zu zerstören. Durch die Zerstörungen würde das Objekt ganz verloren gehen, und das käme einer Selbstaufgabe gleich. Die Idealisierung erhält dagegen die Mutter als Liebesobjekt. Andererseits ist klar, dass eine starke Idealisierung zu einer extremen Abhängigkeit auf Kosten der eigenen Selbstentfaltung führt, weil man sich den Erwartungen des Objektes voll unterwirft und sich ihm passt.

Verlassenheitssyndrom 90

Bei Menschen mit frühen Trennungserfahrungen kommt es zu schweren Verlusterlebnissen, die erhebliche Lücken in der eigenen Selbstentwicklung und im Aufbau einer eigenen Identität hinterlassen. Erleben diese Menschen eine Trennung, kommt es zu einer diskriminierenden Herabsetzung ihrer Persönlichkeit. Besonders bei Kindern und Jugendliche bedeuten solche Kränkungen ihres Nazismus schwere Einbußen in ihrem Selbstgefühl. Die Idealisierung sind für innerlich geschwächte Menschen die einzige Möglichkeit einen Halt in der Mutter zu finden. In einer Partnerschaft suchen solche Menschen einen Partner, den sie idealisieren können. Damit verschaffen sie sich eine gewisse Stabilität. Solche Menschen können auch ihre Kinder idealisieren, um dadurch Sicherheit für sich zu gewinnen. Dahinter steckt auch ein verdrängter Hass auf die Kinder. Es wird ihnen nämlich nicht nur in der Ehe die Kinderrolle streitig gemacht und ihr Neid provoziert, sondern die Kinder erhalten oft auch noch die Liebe von den Großetlern, sowie diese Menschen sie es für sich gewünscht hätten.

Trennungsdepression - ein vierfacher Verlust 91

Die Trennungsdepressionen scheint aus einem vierfachen Verlust her zu rühren.

  1. Der erste Verlust ist die Trennung von einem äußeren Partner.
  2. Der zweite Verlust erfolgt durch den Zusammenbruch von Idealisierungen, die bisher die Stabilität des Ich garantiert haben. Die Kombination beider Erfahrungen aktiviert frühe Trennungserlebnisse mit dem verinnerlichten und idealisierten Objekt, der Mutter.
  3. Der dritte Verlust beschreibt sich so: Auch dieses bisher nur scheinbar schützende, aber letzlich instabile Objekt scheint unter dem Einfluss des doppelten Verlust jetzt aufgegeben zu werden.
  4. Der vierte Verlust ist die Aufgabe des eigenen Selbst bis zu totalen Selbstauslöschung. In ihr hat sich der mörderische Hass endgültig zum suizidalen Selbst-Hass verwandelt.

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